Trinken Sie schön!

Lobmeyr · Wien · Österreich

Von Mekka bis Medina hängen ihre Lustern in Palästen und Moscheen. Von Moskau bis Montreal schätzen die Menschen ihre Gläser täglich. Das Wiener Unternehmen Lobmeyr fertigt seit knapp 200 Jahren Alltagsprodukte und aufwändigen Luxus. Wie hält man so viel Tradition in sechster Generation interessant?

Interview von Franziska Klün · Fotos Peter Lorenz · 17. März 2017

So ist das in Wien. Kleine Oasen tun sich plötzlich vor einem auf. Verwunschene Innenhöfe, in die man einfach hinein schlendert, das Tor weit geöffnet, so wie dieser in der Salestinergasse im zweiten Bezirk der Stadt. Fassaden in ausgewaschenem Gelb, Fenster und Türen umrahmt von dunklem Grün. Wir sind zu Besuch bei Lobmeyr, Familienunternehmen, 1823 als k.u.k. Hoflieferant gegründet, heute geführt in sechster Generation.

Der Name Lobmeyr steht für exquisite Glasarbeiten, so fein und filigran, dass man fürchtet, sie könnten in der Hand zerplatzen, wenn man sie zu grob anpackt. Der amerikanische Designexperte Murray Moss sagt: „When you go from a normal glass to this, it modifies your behavior. You become more graceful.“ Es sind nicht nur die mundgeblasenen, teils nur 0,7 Millimeter dünnen Trinkservices für die das Unternehmen bekannt ist. Die aufwändig gefertigten Lustern, die Räume, Säle, Paläste auf der ganzen Welt in strahlendes Licht tauchen, gehören auch zum Sortiment der Wiener. Das berühmteste Luster-Modell aus dem Hause Lobmeyr hängt in New York, in der Metropolitan Opera in 23-facher Ausführung, der Name: „Starburst“.

Wer die klassischen Formen der Lobmeyr-Gläser aus den Regalen minimalistisch gestalteter Concept-Stores kennt, mag erstaunt sein über das kreative Chaos, auf das wir hier in Wien stoßen. Kein unterkühltes Design-Ambiente, stattdessen viel Patina und überfüllte Archive. Dicht an dicht hängen die wertvollen Lustern im Showroom zur Straße. Für Kaufgespräche stehen gepolsterte Holzmöbel bereit, den Kaffee gibt es schwarz – oder mit Milchpulver.

Wir treffen Leonid Rath am frühen Morgen. Gemeinsam mit seinen beiden Cousins Andreas und Johannes leitet der 46-Jährige heute das Unternehmen. In breitem Wienerisch erklärt er uns, dass die in Tschechien und Ungarn geblasenen Trinkgläser im Souterrain des Wiener Hauptsitzes ihre Gravuren erhalten. Auch die anderen, sich um den idyllischen Innenhof verteilenden Werkstatträume sind gut bestückt mit alten und neuen Lustern, Ersatz- und Einzelteilen, bei mancher Luster ist man nicht ganz sicher, ob sie hier seit drei Wochen, drei Jahren oder drei Jahrzehnten hängt.

„Unsere Produkte haben eine heilende Wirkung – so wie schöne Blumen. Wir alle brauchen doch einen Ausgleich zu all dem, was wir heute in den grauenhaften Newshefteln lesen.“

– Leonid Rath

Herr Rath, seit Sie 2006 mit Ihren zwei Cousins die Unternehmensleitung übernommen haben, setzen Sie auf die Zusammenarbeit mit jungen Designtalenten wie dem international renommierten Martino Gamper oder dem Berliner Designer Mark Braun. Was bringen solche Kooperationen einem Traditionsunternehmen wie Ihrem eigentlich wirklich?
Seit der Unternehmensgründung 1823 steht der Namen Lobmeyr für prägende Designs. Unser Archiv ist gigantisch. Als wir übernahmen, haben wir beschlossen, unsere Kreativität in die Auswahl der Designer und der Steuerung des alten Sortiments zu legen. Designer forschen unentwegt. Sie hinterfragen Bedürfnisse. In der Zusammenarbeit mit ihnen lernen wir auch über uns selbst. Am Ende einer Kooperation muss nicht immer ein serienreifes Produkt entstehen. Manchmal ist es wichtiger, dem Publikum zu erklären, warum man eine Manufaktur wie Lobmeyr überhaupt noch braucht.

Und, warum braucht man sie noch?
Darf ich philosophisch werden?

Bitte, nur zu.
Wir sind der Meinung, dass die Produkte, die wir hier in einer ehrlichen Weise mit dem Anspruch an eine spürbare Qualität herstellen, eine heilende Wirkung haben. Der Kunde freut sich jedes Mal, wenn er etwas von uns verwendet. Das gleiche passiert, wenn ich mir schöne Blumen kaufe. Wir brauchen einen Ausgleich, einen Gegenpol zu dem, was wir heute in all diesen grauenhaften Newshefteln lesen. Grundsätzlich bewerte ich Projekte nach zwei Stoßrichtungen: nach der klassischen Designfunktion, der Ästhetik, oder danach, wie sehr ein Projekt handwerkliche Techniken unterstützt und spürbar macht.

Leonid Rath deutet auf eine Zuckerdose aus Porzellan.

Das ist für mich kein geglücktes Porzellanobjekt – es ist viel zu symmetrisch. Schaut man sich ein barockes Porzellan an, das ja Vorbild für diese Dose war, entdeckt man Fehler, jede Blume schaute anders aus, sie wurden über die Fehler gemalt. Im 19. Jahrhundert musste dann alles gleich sein. Auch heute sieht man das bei sämtlichen Porzellanmanufakturen. Überall die absolute Perfektion! Das ist das, was ich spannend finde am Handwerk. Was kann das Handwerk, was die Industrie nicht kann? Wie mache ich das spürbar?

Die berühmte Lobmeyr-Alpha-Serie bestehend aus Karaffe und kleinen, schalenförmigen Gläsern wirkt absolut symmetrisch und dennoch spürt man das Handgemachte. Woran liegt das?
Weil man so etwas tatsächlich noch nicht gesehen hat: den gerundeten Boden, die Dünnheit des Glases – wir sprechen von 0,7 Millimetern! So dünnes Glas ist maschinell schwer abzukühlen, da geht es um Milliardstel Sekunden. Das Design ist einfach, aber es ist handwerklich in einer solchen Perfektion hergestellt, dass eine Maschine nicht mithalten kann.

„Der alte Luxus, im Sinne von Glitzer und Gold, das ist ja was ganz Übles!“

– Leonid Rath

Als Sie mit Ihren Cousins übernahmen, haben Sie das über 180 Jahre aufgebaute Sortiment radikal ausgesiebt. Wie hat die Familie reagiert?
Es gab Dispute. Die Alpha-Serie zum Beispiel ist heute einer unserer Bestseller, aber mein Onkel fand das Glas viel zu dünn. Dennoch haben wir großes Glück mit unseren Senioren. Sie hatten es ja selbst nicht leicht, empfanden die Frage auch immer als Kampf: Wie hält man Lobmeyr interessant? Der alte Luxus, im Sinne von Glitzer und Gold, das ist ja was ganz Übles. Uns ist auch klar, dass vor allem im Lusterbereich viele unserer Produkte so empfunden werden. Doch uns geht es immer um den Notwendigkeitsgedanken: Sinnlose, überflüssige Produkte zu produzieren wäre uninteressant.

Was bitte ist notwendig an Lustern?
Manchmal ist es notwendig eine schöne, festliche, wertvolle Stimmung in einem Raum entstehen zu lassen. Zum Beispiel im Metropolitan Museum in New York, könnte man schlecht mit einem nüchtern reduzierten Lampendesign um die Ecke kommen.

Leonid Rath deutet auf eine Starburst-Luster.

Übrigens nicht unbedingt unsere handwerklich feinste Arbeit! Der Architekt der MET Opera, Wallace K. Harrison, mochte den ersten Entwurf nicht, also musste mein Großvater Hans Harald Rath über Nacht im Hotel einen neuen Prototypen designen. Der Prototyp bestand aus Zahnstochern und Kartoffeln, es waren die 1960er-Jahre und er hatte nichts anderes zur Hand. Die Originale wurden dann übrigens aus Fahrradspeichen, Holzkugeln und Swarowski-Kristallen gefertigt.

Mit Ihrer Philosophie altes Handwerk sichtbar zu machen, sind Sie in Wien am richtigen Ort: Hier gibt es noch viele Manufakturen, die auf altes Handwerk spezialisiert sind. Fühlen Sie sich von den Wienern besser verstanden als vom Rest der Welt?
Der Wiener ist von Natur aus ein sehr kritischer Mensch. Auch wenn diese Eigenschaft oft als Raunzerei beanstandet wird, halte ich das für einen großen Vorteil. Diese grundsätzliche Unzufriedenheit gepaart mit dem Gedanken, die Dinge stetig besser machen zu wollen, ist das wichtigste Prinzip, um das Leben spannend zu halten. Erst bin ich todtraurig, weil ich es immer noch nicht geschafft habe, weil es auch eigentlich ein großer Mist ist, was ich da bisher gemacht habe. Dann aber klappt es doch und ich bin viel glücklicher als wenn ich nur etwas Mittelmäßiges abgeliefert hätte. Genau das ist Wienerisch. Der Wiener Kunde ist teils sehr unangenehmen, ein Schnäppchenjäger. Aber er spornt auch an.

„Wir werden immer wieder gefragt, ob wir eigentlich verrückt seien, in der Qualität noch vor uns hin zu dümpeln. Wir könnten doch viel reicher sein, wenn wir die Marke ausschlachten würden.“

– Leonid Rath

Ihr Ladengeschäft in der Kärntner Straße im ersten Bezirk ist umzingelt von Flagshipstores internationaler Ketten. Das Geschäft mit seinem ornamentalen Holzeingang und dem darüber golden prangenden Schriftzug wirkt aus der Zeit gefallen.
Wissen Sie, wir werden immer wieder gefragt, ob wir eigentlich verrückt seien, in der Qualität noch weiter vor uns hin zu dümpeln, wir könnten doch viel reicher sein, wenn wir die Marke ausschlachten würden. Sicher. Stimmt. Wir brauchen dieses Selbstverständnis für das eigene Tun. Warum gibt es einen noch auf der Welt beziehungsweise in der Kärntner Straße? Schauen wir uns all die italienischen Möbelhersteller an, die zum 100. Mal verkauft werden. Da geht so viel Wissen verloren, die Qualität leidet. Deshalb gibt es uns so wie es uns gibt! Wenn wir nur ein weiteres Luxusgeschäft wären für all die Menschen, die nicht wissen, wohin mit ihrem Geld, wenn wir nur deren Verlangen befriedigen würden, noch sinnloser zu konsumieren, wäre das falsch. Ich denke immer, wenn der Luxuskunde etwas gut gemachtes, transparent und ehrlich Gefertigtes besitzt, dann verändert ihn das auch.

Das klingt nach viel Ideologie.
Unser wichtigstes Ziel ist, Produkte zu schaffen, die nicht langweilig werden. Wir suchen nach Archetypen, Geschichten, etwas, das im Menschen verankert ist. Bei der Serie Alpha ist es das Gefühl, aus der Hand zu trinken, da die Gläser so rund sind, bei den Entwürfen von Adolf Loos diese Strenge. Wir spielen mit den Geometrien. Auch bei unserer Kugeldose. Allem liegt ein ganz einfaches Prinzip zugrunde, das nicht ganz ausgereizt ist, wo man immer noch etwas entdecken kann.

Glaskunst als Unterhaltung?
So wird einem nicht langweilig.

Bei Lobmeyr geht es auch darum, die Grenzen der Materialmöglichkeiten auszuloten. Gibt es in Ihrer Schublade Ideenskizzen, bei denen Sie in der Herstellung gescheitert sind?
Eine wunderbare Käseglocke zum Beispiel von dem Produktdesigner Sebastian Menschhorn, ein Riesengerät, mit einem intelligenten Kühlmechanismus – das perfekte Ding. Lässt sich nicht produzieren. Entweder man macht einen riesigen, schweren Deckel, das sieht nicht aus – oder man macht ihn dünn und leicht, dann scheitert man schon daran, die Blase zu durchschneiden. Das ist außerdem lebensgefährlich – das Glas splittert enorm. Da tüfteln wir dann also vor uns hin, wollen unbedingt eine Lösung finden und müssen irgendwann akzeptieren, dass es manchmal einfach keine gibt.