Laminat ist der Feind

Mark Braun · Berlin · Deutschland

Seine Entwürfe sind smart, minimalistisch und immer „with a twist“. Mit seiner Designphilosophie startet Mark Braun gerade durch. Ein Gespräch über die brachiale Gestaltung der Holländer, die deutsche Rationalität und die Zukunft des Wohnens.

Interview von Franziska Klün · Fotos Stefan Hähnel · 25. September 2015

Ein verwunschener Hinterhof in Treptow an der Grenze zu Neukölln, davor eine Brachfläche, wie es sie in Berlin kaum noch gibt. Von seinem Studio aus kann Mark Braun die Anwohner beobachten, die hier ihre Hunde toben lassen. Manchmal residiert ein Zirkus an diesem Ort, dann grasen dort Kamele. Vor neun Jahren gründete der 40-jährige Produktdesigner sein Studio in diesem Haus. Künstler und Musiker haben hier ihre Ateliers, zu DDR-Zeiten war die Schallplattenpresswerkstatt des DDR-Musiklabels Amiga an diesem Ort beheimatet. Bis vor kurzem war unklar, ob Mark Braun mit seinem vierköpfigen Team hier bleiben kann, das Haus sollte verkauft werden. Nun haben die Mieter einen Verein gegründet und kaufen es selbst. Dann soll hier sukzessive renoviert werden. „Es wird wohl auch langsam Zeit, dass das hier alles etwas repräsentativer ausschaut“, sagt Mark Braun und lacht.

Vor knapp zehn Jahren haben Sie sich selbstständig gemacht. Mittlerweile arbeiten Sie für große deutschsprachige Traditionsmarken wie Thonet, Lobmeyr und Nomos Glashütte. Wann ging’s bei Ihnen richtig los?

Ein wichtiger Start war eine Kooperation mit Authentics 2008, richtig los ging es 2010, da kontaktierten mich wichtige Unternehmen und Galerien. Ich habe mich stark auf Autorendesign konzentriert und mit dem Beistelltisch Lift für Gallery S. Bensimon und der Glasedition Fortune für Lobmeyr markante Positionen präsentiert. Dadurch gab es viel Interesse seitens Presse und relevante Designgalerien wie Libby Sellers in London wurden auf mich aufmerksam. Doch ich hatte immer auch den Anspruch ins Industriedesign zu gehen und Produkte für große Stückzahlen zu entwerfen. 2013 habe ich die Uhr „Metro“ für Nomos Glashütte entworfen – seitdem ist viel passiert.

Die Fabrik soll teilweise überlastet sein, weil die Nachfrage so groß ist …

Ja, die Uhr verkauft sich super und hat zahlreiche Preise erhalten. Sie bringt Sicherheit für viele Mitarbeiter – und das ist auch meine Schuld. Das sind tolle Dimensionen!

„Kennt man die ganzen Fertigungsprozesse nicht im Detail, ist man freier im Kopf. Manche Designer, die auch Tischler sind, denken nur so weit, wie sie die Dinge selbst bauen können.“

– Mark Braun

Wo wollen Sie hin als Produktdesigner? Ist das womöglich schon der Zenit?

Eigentlich geht es jetzt erst los. Ich bin an dem Punkt angelangt, dass Firmen das Vertrauen haben, mich für Dinge anzufragen, die auch für sie ein ordentliches Investitionsvolumen bedeuten. Gestern hatte ich einen solchen Termin, da geht es um zwei Jahre Arbeit. Solche Volumen werden natürlich ungern in einen Jungdesigner investiert, von dem man nicht weiß, ob er auch liefert, ob er dem Stress gewachsen ist und ob seine Firma funktioniert.

Showroom Thonet
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Studio Innenhof
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Ihre Ausbildung war sehr umfangreich: Sie haben eine Tischlerausbildung gemacht, dann Produktdesign an der FH Potsdam studiert, sie gingen in die Niederlande und nach Halle. Reicht ein einfaches Designstudium an einer Uni heute nicht mehr aus?

Ich war erst Tischler, habe dann elf Semester lang studiert, war zwischendurch an der Design Academy Eindhoven und an der Burg Giebichenstein, wo ich mein Diplom in der Fachrichtung Keramik- und Glasdesign gemacht habe. All diese Dinge waren förderlich, klar – aber das heißt nicht, dass ein normales Produktdesignstudium nicht ausreichen könnte. Kennt man die ganzen Fertigungsprozesse nämlich nicht im Detail, ist man teilweise freier im Kopf. Manche Designer, die auch Tischler sind, denken nur so weit, wie sie die Dinge selbst bauen können. Doch es gibt so viele spezielle Techniken, die man nie selbst beherrschen wird.

„Ich lernte früh, dass Produkte neben ihrer Funktion und Ästhetik auch Kommunikatoren und identitätsstiftende Tools sein können.“

– Mark Braun

War das Ihr großer Plan: Erst Tischler werden, dann Produktdesigner?

Nicht unbedingt. Aber schon meine Großeltern waren Architekten, sie lebten in einem von ihnen entworfenen Haus, das war mit etlichen Designermöbeln ausgestattet. Besonders das Sommerhaus auf einer kleinen schwedischen Insel, wo von Arne Jacobsen bis Bruno Mathsson viel herumstand, war für mich prägend.

Eine Affinität zur Gestaltung wurde Ihnen also mitgegeben?

Durch ihre Einrichtungsentscheidungen haben meine Großeltern mir ein ästhetisches Grundverständnis vermittelt, ja. Durch sie weiß ich, was gute Produkte sind. Ich bin ja Halbschwede, in Skandinavien haben die Leute eine viel bessere gestalterische Allgemeinbildung. Und mein Vater ist ein großer Sammler, der zu jedem Ding eine Geschichte erzählen kann. So lernte ich früh, dass Produkte neben ihrer Funktion und Ästhetik auch Kommunikatoren und identitätsstiftende Tools sein können.

Können Sie sich an konkrete Dinge im Haus Ihrer Großeltern erinnern?

Da war die Liege Pernilla von Bruno Mathsson – ein fantastisches Liegeerlebnis. Für mich die Corbusier-Liege des Nordens. Und es gab diese emaillierten dänischen Töpfe von Dansk in grandiosen Farben.

Sie sind Fan des skandinavischen Purismus?

Ja, aber mich begeistert auch die holländische Gestaltung – da gilt ja eher „form follows concept“. Manchmal wird mir deren konzeptionelle Durchdringung eines Alltagsprodukts zwar zu brachial und zu laut, aber die konzeptionelle Vorgehensweise ist toll. Hella Jongerius’ großes Thema „The Beauty of Imperfection“ und die Frage „Was macht ein Produkt zu einer Type?“ finde ich sehr cool. Oft sind es die kleinen Fehler, die ein Produkt ausmachen.

Was zeichnet die deutsche Ästhetik aus?

Deutsche Gestaltung steht noch immer für Bauhaus, für Dieter Rams und für strenge Rationalität. „So wenig Design wie möglich“, wie Rams sagte. Bei den ganzen klassischen deutschen Brands kann man von einer hohen Produktqualität ausgehen. Die Entwürfe sind meistens sehr funktional, nachhaltig und stehen für technische Cleverness.

„In Zukunft wird einem der Bürostuhl sagen können, wie die Haltung den Tag über war und wie man sich noch körperlich betätigen sollte. All das hat Riesenpotential.“

– Mark Braun

Ist das deutsche Tüftlergen auch in der Möbelbranche vertreten?

Innovation gilt als sehr wichtig. Es bringt allerdings nichts, ein innovatives Design zu lancieren, das nicht schön ist. Es muss die richtige Balance zwischen allen Faktoren gefunden werden.

Glas SonnenstrahlNomos Glashütte
Stählemühle Design
Stählemühle Prototyp
Studio Mark Braun
Mark Braun Portait
La Redoute
Mark Braun Studio
TischeLobmeyer

Als Produktdesigner muss man in die Wohnungen der Zukunft blicken können. Wie werden sich unsere Wohnkulturen verändern?

Die Digitalisierung unseres Alltags wird immer wichtiger. Je schneller die Welt im Digitalen wird, desto wichtiger werden analoge Gegengewichte. Das können Möbelklassiker sein wie der Eames Chair oder ein Sofa von Hay, auf dem ich mich lümmele, um auf meinem iPad zu surfen. Dann gibt es die große Smart-Home-Bewegung. Man ist mit seinen elektronischen Geräten per App connected – vom Fernseher bis zur Kaffeemaschine. Diese Dinge werden sich immer mehr verbreiten.

Was wird richtig groß?

Smart Textiles. In Zukunft wird einem die Strickjacke mitteilen, wenn die eigene Körpertemperatur soweit gefallen ist, dass man sich dicker anziehen sollte. Auch der Bürostuhl wird einem sagen können, wie die Haltung den Tag über war und wie man sich noch körperlich betätigen sollte. All das hat Riesenpotential. Gleichzeitig denke ich, dass die analogen Anker, die Slow Designs, wie eine Lobmeyr-Karaffe, nicht alt werden. Das sind Klassiker, die Bestand haben und als Gegengewicht zum schnelllebigen digitalen Design platziert werden können.

Sie haben einmal gesagt: „In den Dingen, mit denen man sich umgibt, spiegelt sich der Charakter einer Person wider“. Was sagt ein Billy Regal über mich aus?

Das will nicht mehr sein als es ist, insofern setzt der Besitzer auf Effizienz, auf „form follows function“. Es ist keiner, der sich besonders wichtig nimmt oder ein starkes Show Off macht.

Und ein Regal von Möbel Horzon?

Tja, das ist wohl das Anti-Billy-Regal – im Grunde ist es genau das gleiche, aber eben vom local Hero, in diesem Fall Rafael Horzon. Der Besitzer würde wohl auch den coolen Späti gegenüber dem Supermarkt bevorzugen.

Weiße Eames Chairs?

Play safe – eindeutig.

Laminat-Boden?

Das ist schlimm, ne? Laminat ist der Feind. Wer Laminat Boden hat, ist echt arm dran.

Linoleum-Boden?

Ist was ganz anderes. Derjenige will echtes Material und lebt gesundheitsbewusst.

Und weil Mark Braun so wunderbar über Produkte erzählen kann, haben wir ihn noch nach seinen Top 5 aus dem deutschsprachigen Raum befragt.