„Der Franzose versteht uns nicht“

Mono · Mettmann · Deutschland

Schlicht, kantig und aus Blech: die Besteckserie Mono-a galt lange als gestalterische Provokation. Heute ist sie ein Designklassiker. Zu Besuch in Mettmann.

Interview von Franziska Klün · Fotos Peter Lorenz · 25. Januar 2016

In Mettmann, im Betrieb der Brüder Seibel, ist weniger mehr – nicht nur was die Formgebung der hier gefertigten Produkte anbelangt. Auch die Auswahl selbst ist, sagen wir, überschaubar. Man konzentriert sich auf das Mono-a Besteck, die Filio-Teekanne, seit einigen Jahren auch auf die Besteckserien der Firma Pott. Denn 2005 stand Pott kurz vor der Insolvenz, die Seibels kauften damals das Unternehmen. Dass es die Firma Mono heute noch gibt, ist Herbert Seibel zu verdanken. Der Onkel der heutigen Besitzer erschuf in den 50er-Jahren heimlich hinter dem Rücken seines Vaters und in Zusammenarbeit mit dem Industriedesigner Peter Raacke einen Designklassiker: die Besteckserie Mono-a.

Heute führen Carsten Seibel, 47 und Wilhelm Seibel jun., 55 die Firma. Im Konferenzraum des Unternehmens am Rande von Mettmann treffen wir die gut gelaunten Brüder, die so unterschiedlich wie ihre Werdegänge sind: Carsten Seibel ist gelernter Kaufmann während Wilhelm Seibel jun. Sozialpädagogie studierte. Was die Brüder vereint: Ins Familienunternehmen einzusteigen stand bei beiden nie auf dem Lebensplan.

Mono Brüder Seibel
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Die Herren Seibel, der Grundstein zum Erfolg Ihres Familienunternehmens wurde durch eine Geheimaktion Ihres Onkels Herbert gelegt. Von der Mono-a-Entwicklung durfte sein Vater Heinrich Seibel nichts erfahren. Was wissen Sie über diese Zeit?

Wilhelm Seibel: Leider nicht viel. Was wir wissen, ist, dass Mono-a am Anfang absolut nicht der ultimative Erfolg war. Im Gegenteil. Die haben mächtig gestrampelt, um die Sachen in die Läden zu bringen. Das ist alleine an den Jahreszahlen zu erkennen: 1959 kam das Produkt auf den Markt und erst 1973 gab es die erste Designauszeichnung. Andere hätten die Serie längst wieder vom Markt genommen. Man muss wissen: Das Besteck war ein Affront für den Markt des feinen gedeckten Tischs. Es war ein Stück Blech! Anfangs wurde es auch nicht in den Haushaltswarengeschäften aufgenommen, sondern war in Einrichtungshäusern erhältlich.

„Unser Besteck war ein Affront für den Markt des gedeckten Tischs. Es war ein Stück Blech!“

– Wilhelm Seibel

Carsten Seibel: In den 1960ern hat man das Besteck auch immer wieder versucht abzuändern, mit Holzbeschichtungen hat man gearbeitet, auch mit Elfenbein und Perlmutt. Man wollte es gefälliger machen. Anfangs hieß es immer: Bei dem Stück Blech fehlt ja alles!

Sie beide sind eher zufällig im Unternehmen gelandet – der Einstieg entsprach nicht dem großen Lebensentwurf. Was hat Sie hierher verschlagen?

WS: Naja, wir müssen keine Reißverschlüsse an den Mann bringen, sondern dürfen uns mit Produkten beschäftigen, die dem Genuss dienen – und damit den schönen Seiten des Lebens. Auch haben wir es mit einer spannenden Marke zu tun – andere Marketingabteilungen würden sich einen abbrechen, um einen Mythos wie den zu kreieren, den wir einfach geschenkt bekamen. Wenn man etwas älter wird, erhalten Tradition und Herkunft einen anderen Wert – und eine andere Verpflichtung.

Besteck aus Deutschland

Von den 200 Unternehmen, die in der Nachkriegszeit in Deutschland Besteck produzierten, sind heute keine zehn mehr übrig. Viele Menschen hatten im Krieg ihren Haushalt verloren, der Markt war gigantisch. Die Deutschen liebten Rundungen, es war die Zeit von Plüsch und Rüschen. Als der Besteckhersteller Mono seine kantige Mono-a-Serie lancierte, kam das zunächst nicht sonderlich gut an. Doch das reduzierte Design setzte sich durch und gilt heute als absoluter Klassiker.

Das klingt nach Bürde.

WS: Überhaupt nicht. Mettmann war lange die Stadt der Besteckindustrie – Solingen die Schneidwarenstadt. Am Ende dieser Zeit, um die 60er-Jahre herum, waren die Seibels der größte Arbeitgeber. Von jedem zweiten Mettmanner hat heute Oma, Opa Onkel oder Tante in der Besteckindustrie gearbeitet. Einmal im Jahr haben wir eine Nacht der offenen Tür – da produzieren wir abends weiter, starten einen Lagerverkauf und jedes Jahr erleben wir Dutzende ältere Herrschaften, die kommen, um den Schleifern zuzuhören, wenn die von früher erzählen. Das empfinden wir als großes Privileg.

CS: Gestern hatten wir Besuch aus China. Durch Zufall kamen zwei Küchenhändler zu uns, auf der Suche nach deutschen Herstellern. Wir wurden ihnen empfohlen, nachdem sie andere Unternehmen besucht hatten und völlig enttäuscht feststellen mussten, dass diese nicht selbst und in Deutschland produzieren. Sie würden doch nicht „made in China“ in Deutschland kaufen, schließlich würden sie nach „made in Germany“ für China suchen! Als die zu uns kamen und unsere alten Maschinen sahen, waren die so dermaßen begeistert – das ist ansteckend. Jeder, der hier in den Betrieb kommt und sieht, mit welcher Handarbeit die Dinge gefertigt werden, ist fasziniert.

„Da stand ich im Moma in New York und dachte, ist das nicht geil: Du hast Andreas Gursky hier, die Toten Hosen – und unsere Produkte. Da ist die Welt doch in Ordnung!“

– Wilhelm Seibel

Das sind die schönen Momente. Was ist der weniger erbauliche Teil Ihrer Arbeit?

WS: Ich mache das nun einige Jahrzehnte und muss langsam über meinen Abschied nachdenken. Da blicke ich auch zurück. Wir haben eher diese Highlight-Momente, empfinden diesen Stolz. Ich hatte so einen euphorischen Moment, als ich in New York im Museum of Modern Art war, wo auch Mono-Produkte zu sehen sind – im Museum wie im Verkauf. Ich ging durch die Ausstellung, da hing ein riesiges Bild von Andreas Gursky, der ja Düsseldorfer ist, von einem Konzert von den Toten Hosen mit Campino, der auch aus Mettmann stammt. Da dachte ich: Ist das nicht geil – du hast Gursky hier, die Toten Hosen und uns – alles aus dieser Region im Moma in New York – da ist doch die Welt richtig in Ordnung!

Und wann ist die Welt nicht in Ordnung?

WS: Was richtig reingehauen hat – apropos New York, begann mit dem ersten Börsencrash um 2000. Das war, nachdem wir uns in den 90ern viel in den USA aufgebaut hatten. In dem Jahr fiel das Weihnachtsgeschäft komplett aus. Die Vorräte der Händler reichten bis weit ins Jahr 2001 hinein. Unsere gesamten Hoffnungen lagen also auf dem Weihnachtsgeschäft 2001, und dann kam der 11. September. Da war’s ganz aus. Am 12. September sollte der Moma-Laden in Soho aufmachen – damals ein sehr wichtiger Kunde für uns. Ein zweiter wichtiger Kunde hatte sein Geschäft in dem New Yorker District, der über mehrere Wochen gar nicht zu betreten war. So kann man von zwei Dingen, die nicht einzukalkulieren sind, jäh gestoppt werden. Das hat uns über Jahre zurückgeworfen, mühsam mussten wir das Geschäft wieder aufbauen. Das war definitiv ein krasser Tiefpunkt.

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Die schlimmste Phase Ihrer Laufbahn?

WS: Es gab einen weiteren ähnlich schlimmen Augenblick: Vor zwei Jahren sind wir durch eine Re-Strukturierung gegangen, wir mussten Mitarbeiter entlassen, die bei uns zehn bis 20 Jahre gearbeitet hatten. Ich habe Unternehmerkollegen, die schmeißen jedes Jahr fünf Prozent ihrer Belegschaft raus – aus Prinzip. Die gucken gar nicht, wer das ist, sondern tun das, damit im Unternehmen Bewegung bleibt, eine gewisse Spannung. Das machen wir nicht. Aber es hat natürlich auch Nachteile, wenn man, wie wir, nach all den Jahren einen kontinuierlichen Kurs fährt. Und dennoch: Kündigungsgespräche führen zu müssen, ist einfach Käse.

Warum mussten Sie die Leute entlassen?

WS: Es war verrückt, deshalb sage ich immer, das Geschäft ist nur schwer planbar. 2008 kam die Bankenkrise – dennoch hatten wir bis Frühjahr 2009 zweistellig steigende Umsatzzahlen. Und dann, im April, mit einem halben Jahr Verspätung, hatten wir nur einen halben Auftragseingang – es war wie abgeschnitten. Am Anfang denkt man: Okay, passiert. Im zweiten Monat fängt man an, sich zu wundern. Im Sommer 2009 mussten wir uns ganz schön anstrengen, um über die Runden zu kommen, inklusive Kurzarbeit, Halbtagsstellen. Man will seine Mitarbeiter ja halten – die kriegt man so schnell nicht wieder. Drei Jahre lang haben wir improvisiert. Das war kräftezehrend und wir kamen nicht umhin, dass wir von 32 auf 25 Mitarbeiter reduzieren mussten.

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Ihre wichtigsten Märkte sind Deutschland und Österreich – und die USA. Was ist mit dem Rest Europas? Was ist mit China?

WS: Das haben uns die Chinesen gestern auch gefragt: Müssen nicht alle Marken heute in China erhältlich sein? Der deutschsprachige Raum versteht uns. Unser Design, unsere Werte, unsere Preispolitik. Im Gegensatz zu beispielsweise Frankreich. Wir haben eine große Affinität zu dem Land und würden am liebsten die Hälfte unseres Lebens dort verbringen. Doch alle unsere Bemühungen, uns da aufzustellen, sind gescheitert. Der Franzose versteht uns nicht. Für Frankreich sind wir viel zu schlicht, zu nüchtern – auch zu kalt. Und dann auch noch solche Preise! Die Skandinavier sind gesegnet mit ihren eigenen Produkten und Marken. Wir haben irgendwann beschlossen, nicht jeden Trend mitzumachen, auch was China anbelangt, sondern uns auf Dinge zu konzentrieren. Eins nach dem anderen. Damit fahren wir gut.