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„Das gute Design? Das klingt so dogmatisch!“

Inspiration von Franziska Klün · Fotos Peter Lorenz · 8. November 2016

Die Geschichte der Vienna Design Week begann mit dem Gründer-Klischee von der guten Idee und dem Küchentisch. An einem solchen nämlich saßen Lilli Hollein und ihre anfänglichen Mitstreiter Tulga Beyerle und Thomas Geisler als sie vor über zehn Jahren beschlossen, mit einem jährlichen Event für mehr Designdiskurs in Wien zu sorgen. Mittlerweile ist aus der Küchentisch-Idee Österreichs größte Designveranstaltung geworden, mit über 36.000 Besuchern. Von dem Dreiergespann ist heute noch Lilli Hollein dabei.

Wir treffen die Festivaldirektorin in ihrem Büro, im 2. Gemeindebezirk Wiens, wo sie mit ihren Mitarbeitern unterm Dach des Designcenters Stilwerk sitzt. Dachschrägen, große Fenster, ein einziger großer Raum. Von hier aus hat man die Stadt gut im Blick. Nicht ganz unwichtig für ein Festival bei dem es auch immer darum geht darzustellen, wie und wo Design die Stadt prägt und das gesellschaftliche Leben beeinflusst.

Frau Hollein, im Oktober fand die zehnte Vienna Design Week statt – ein großes Jubiläum mit rund 150 Veranstaltungen. Klingt nach organisatorischer Höchstleistung. Wie erleichtert sind Sie?

Natürlich bin ich erleichtert. Vor allem, weil es viel Zuspruch vom Publikum gab und wir wirklich gute Projekte im Programm hatten. Wir wollen mit dem Festival andere Effekte erzielen als zehn Tage lang kreative Arbeiten zu präsentieren. Wir beauftragen Kooperationen, liefern Denkanstöße. Wir verstehen das Festival als Plattform. Insgesamt liegt ein Jahr hinter uns, das uns hätte aus der Kurve werfen können. Bis Mitte Januar läuft noch eine Ausstellung im Austrian Cultural Forum in New York, wir sind involviert bei dem österreichischen Auftritt auf der London Design Biennale. Trotz dauerhaft hohem Tempo sind wir gut durchgekommen.

Auch in Berlin gibt es eine junge Designszene, auch dort wurden bereits einige Versuche unternommen, eine Design Week ins Leben zu rufen: mit dem Designmai, jetzt DMY, der Designmesse Qubique, die nur einmal stattfand. Die Vienna Design Week stattdessen wächst und wächst. Sind die Österreicher das bessere Publikum?

Also mit dem Wachstum ist jetzt erstmal Schluss – noch größer werden wollen wir nicht! Mit 150 Veranstaltungen, die ja eine bestimmte Qualität liefern sollen, ist die Obergrenze des für uns Machbaren erreicht. Wir wollen schließlich, dass die Veranstaltungen auch besucht werden. Die Leute sollen nicht irgendwann den Guide in die Hand nehmen und denken: Oh Gott, das überfordert mich, ich lass es gleich!

Vienna Design Week Lilli Hollein
Lilli Hollein Portrait
Vienna Design Week Lilli Hollein

Was also machen Sie richtig?

Was uns von den Design Weeks weltweit unterscheidet: Im Grunde sind wir eine Ausstellung, die zum gleichen Zeitpunkt einige Feuerwerke abschießt, die sonst übers Jahr verteilt wären. Und wir sind eine Kulturveranstaltung, eine Non-Profit-Organisation. Auch aus dem Grund erhielten wir von Anfang an viel Support. Wir wollen mit unseren Projekten nicht alleine zeigen, was hier wieder für ein hübsches Ding durch einen Handwerker, Designer oder eine Manufaktur entstanden ist. Uns geht es darum, etwas auszuprobieren – ohne kommerziellen Hintergedanken.

„Man fragte uns: Was wollt Ihr jetzt eigentlich mit dem Thema Handwerk, wenn Ihr Euch doch mit Design beschäftigt und da als Experten auftretet? Gerade in einer Stadt wie Wien, wo das gestaltende Handwerk eine sehr lange Tradition hat, musste man sich davon lange distanzieren.“

– Lilli Hollein

Was zum Beispiel?

Es ist sicherlich kein österreichisches Phänomen, dass Unternehmen, ob groß oder klein, Design möglichst reduzieren wollen. Nach dem Motto: Die Dekoabteilung brauchen wir nicht! Die Vienna Design Week agiert unter anderem als Auftraggeber für Designschaffende. Bei der Projektreihe “Passionswege” beauftragen wir Designschaffende und Unternehmen damit, experimentell zusammenzuarbeiten. Sie müssen kein Produkt abliefern, sie können auch ein Manifest schreiben oder eine Installation machen. Es geht alleine darum, sich auszutauschen und dass das, was sie dabei über sich herausfinden, dem Publikum zugänglich gemacht wird.

Damit eine Begegnung auf Augenhöhe entsteht?

Wären wir nicht involviert, wäre der eine eher der Auftraggeber des anderen. So aber kommt es zu einer normalen Konversation und einer anderen Wertschätzung. Viele der Handwerker haben noch nie einen solchen Prozess durchlaufen und keine Vorstellung davon, was Designer für sie tun können.

Office Stilwerk Wien
Vienna Design Week Pinnwand
Vienna Design Week Lilli Jacke
Vienna Design Week Lilli Hollein
Vienna Design Week Lilli Hollein

Was können Designer denn für sie tun?

Wir in Wien haben viel Erfahrung mit Familienunternehmen. An vielen Orten gibt es gerade einen Generationswechsel, der nicht immer konfliktfrei abläuft, sondern oft eine Identitätsfrage aufwirft. Das Wiener Unternehmen Wäscheflott beispielsweise stellt seit 1948 Maßhemden her. Die junge Frau Stekl hat die Firma mit eigenem Laden vor einiger Zeit relativ unvermittelt übernehmen müssen, da der Vater plötzlich verstarb, sie aber hatte gerade drei kleine Kinder. Nichts passte also. Und dann stand sie da mit der Manufaktur und dem Geschäft aus den 60ern in fantastischer Lage, gleich bei der Albertina. Wir brachten sie mit dem polnischstämmigen Designduo Chmara Rosinke zusammen. Die machen super Sachen, waren beim renommierten Hermès-Preis mehrmals in der letzten Runde. Chmara Rosinke überzeugte die neue Inhaberin nicht alles komplett umzukrempeln, rauszuwerfen und einen schicken Laden draus zu machen, sondern den Großteil des alten Mobiliars zu behalten, stattdessen das eine oder andere Element hervorzuheben. Sie entwarfen ein Möbel, das beim Ritual des Hemdenabmessens hilft, denn das ging bis dahin völlig unter – man verschwand einfach hinter dem Vorhang mit der Schneiderin. Sie ließen alle Kragenformen produzieren, präsentierten sie in der Auslage. Und plötzlich hatte der Laden eine ganz andere Wirkung. Ohne dass nun etwas komplett anders gemacht wird oder die Familie 150.000 Euro in die Hand nehmen musste für ein neues Interior-Konzept. Und vor allem ohne, dass sich die alten Kunden, die schon seit 30 Jahren in den Laden kommen, nicht mehr willkommen fühlen, weil sie plötzlich 30 Jahre zu alt sind.

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Als Sie vor zehn Jahren die Vienna Design Week gründeten, taten Sie das auch, weil, ich zitiere, “Sie den Österreichern beibringen wollten, dass Design mehr sein kann als Behübschung”. Wird Design heute, zehn Jahre später, anders wahrgenommen, steht die Designszene an einem anderen Punkt?

Wir sind mit dem Festival zu einem idealen Zeitpunkt gestartet. In den letzten 15 Jahren begann sich eine breitere Öffentlichkeit für die Themen Architektur und Wohnen zu interessieren. Da wir immer auch gesellschaftliche Themen besetzt haben, hat sich etwas getan, ja. Es hat sich herumgesprochen, die Publikumszahlen sind gewachsen. Wir machen kein elitäres Festival, wo es nur Dekogegenstände zu sehen gibt, die man sich nicht leisten kann, sondern viel dreht sich um Partizipation, Anwendbarkeiten. Insofern glaube ich schon, dass das Festival zumindest mitgeholfen hat, das Thema Design zu erklären, zu verdichten, auch zu erweitern. Ich erinnere mich, als wir mit dem Format “Passionswege” gestartet sind, wurde das sehr kontrovers diskutiert. Man fragte sich, was wir jetzt eigentlich mit dem Thema Handwerk wollen, wenn wir uns doch mit Design beschäftigen und da als Experten auftreten. Gerade in einer Stadt wie Wien, wo das gestaltende Handwerk eine sehr lange Tradition hat und man sich davon lange stark distanzieren musste. In den nächsten zehn Jahren wird es nun stark darum gehen, den Designbegriff wieder zu fassen – auch für das Fachpublikum.

Vienna Design Week Lilli Hollein
Vienna Design Week Lilli Hollein
Vienna Design Week Lilli Hollein

Warum? Was ist falsch an dem Begriff?

Niemand ist mehr mit der Terminologie zufrieden! Der Begriff wurde stark aufgefächert. Es fängt damit an, dass man nicht mehr Grafikdesign sagen darf. Mit visueller Kommunikation sind auch nur wenige zufrieden. Im Produktdesignbereich redet man immer noch von “experimentell” und “industrial” und “social”, aber niemand fühlt sich mehr wohl damit. Der Begriff des Social Design wird in zehn Jahren sowieso überkommen sein, weil es dann klar sein wird, dass Gestaltung immer eine Dienstleistung für eine Gesellschaft ist, die man leisten muss, ob man Designer ist oder was auch immer. Designschaffende stehen oft am Beginn eines Prozesses, der auch eine gesellschaftliche Veränderung oder Besinnung beginnen soll zu steuern. Dadurch hat der Begriff wieder die Bedeutung, die er viele Jahre nicht hatte. Und so wird sich die Rollenverteilung in einen Common Sense verändern. Die Frage ist also: Wie benennen wir Dinge nicht mehr unter dem Riesenschlagwort „Design“, das jeder anders beschreibt?

Wie beschreiben Sie denn gutes Design?

Oh, das mit diesem “Gut” … (seufzt) Ich will jetzt nicht böse sein, aber diese Frage kommt immer aus Deutschland! (lacht) “Das gute Design”, das ist so dogmatisch! Ich finde es gibt eine ganze Reihe von Resultaten aus dem Designbereich, die ich als gut und gelungen bewerten würde, aus ganz unterschiedlichen Beweggründen. Weil es formal oder funktional oder emotional ist – und im besten Fall ist es alles zusammen. Natürlich kann man sich eine Checkliste machen wie im zwischenmenschlichen Bereich: Sollte braune Haare haben, blaue Augen, lustig sein. Aber da kann man zehn Leute vor sich sitzen haben, und dann braucht es eben doch irgendetwas nicht Quantifizierbares, das spezieller ist und einen weghaut.