#

Auf drei Tassen Kaffee mit Wilfried Lembert von Minimum

Inspiration von Franziska Klün · Fotos Waldemar Brzezinski · 15. Dezember 2015

Als er die Tür aufmacht, reißt er die Augen auf und begrüßt uns mit den Worten: „Ich habe Euch vergessen!“ Macht nichts, er hat trotzdem Zeit und der Kaffee ist schnell gekocht. Wilfried Lembert ist der Mann der Möbel in Berlin. 1999 eröffnete er sein erstes Einrichtungsgeschäft im damals ganz neuen Stilwerk in der Charlottenburger Kantstraße. Mittlerweile hat er noch zwei weitere Filialen, eine in Kreuzberg, eine in Mitte, auch ein Bulthaup-Geschäft gehört zu seinem kleinen Berliner Imperium, ebenso ein riesiges Sortiment umfassender Online-Shop. Lembert sagt: „Minimum ist kein Laden, es ist eine Haltung“. Simple Möbel und Produkte, die funktionieren, heute und in 30 Jahren. Wir haben ihn nicht nur nach seinen Besten aus dem deutschsprachigen Raum befragt, sondern die Gelegenheit genutzt, um noch ein paar andere Dinge von dem Wohn-Experten zu erfahren.

Lounge Chair

Herr Lembert, wie sind Sie eigentlich in der Möbelbranche gelandet?

Ich wurde hineingeboren. Mein Großvater besaß eine Ein-Mann-Tischlerei, als Kind spielte ich dort in Sägespänen. Ich habe keinen Kindergarten besucht, sondern war bei meinem Opa, insofern bin ich mit Holzstaub in der Nase aufgewachsen. Für mich bedeutete Design immer, die Welt zu verbessern. Später studierte ich Holztechnik, für einen deutschen Hersteller war ich im Designmanagement tätig, und ich hatte ein paar Jahre einen Lehrauftrag an der Fachhochschule Anhalt am Bauhaus in Dessau …

Wie kam es zu dem Lehrauftrag?

Das ist eine lustige Geschichte: Ein Freund wurde Dekan der Hochschule und schickte mir das Curriculum. Ich fand’s ja schon immer schwierig, wenn Schüler mit Zeichnen Abitur machen und im Anschluss denken, nun können sie auch Design. Designer zu sein bedeutet meines Erachtens, Unternehmern, Unternehmen und der Gesellschaft dabei zu helfen, Dinge besser zu machen und über den eigenen Tellerrand zu schauen. Ich sagte meinem Freund also, was ich im Stundenplan vermisse, damit am Ende mehr Verständnis für den Designprozess herauskommt. Irgendwann kam ein Brief von ihm zurück, darin stand: Dann mach’s doch selbst. Daraus entstand das Wahlfach Designmethodik, später ist das ins Grundstudium gewandert.

„1999 war klar, dass wir erfolgreich sein werden, wenn wir die Klassiker ausgraben. Damals brauchte man kein junges Berliner Design.“

– Wilfried Lembert

1999 sind Sie mit dem ersten Minimum-Geschäft gestartet – warum?

Alles begann mit einem Buch, das ich von guten Freunden zu meinem Geburtstag 1998 geschenkt bekam: „Minimum“ von John Pawson. Drinnen klebte ein Ultraschallbild, so verkündeten sie, dass sie Nachwuchs erwarteten. Mich beeindruckte dieses Buch – wie hier wesentliche Begriffe der Architektur mit Bildern erklärt wurden: Proportion, Pantheon, etc. Ich dachte, ich bin so ein Möbelheini, ich sollte ein Möbelbuch machen, indem ich erkläre, was der Urtyp des Holzstuhls, was ein Loungechair oder was Sitzen im Allgemeinen ist. Dann lernte ich Alexander Raab, den Stilwerk-Gründer, kennen, der sagte: Mach’ kein Buch, mach’ einen Laden. Und so wurde das Buch-Konzept dreidimensional.

Liegesessel La Chaise
Rhinozeros

Immer wieder arbeiten Sie bei Minimum auch mit jungen Berliner Designern. War das von Anfang an die Idee?

Ein einfaches „Ja“ funktioniert auf diese Frage nicht. Alles hat seine Zeit. Um 1890 herum hatten die Menschen Angst vorm nächsten Jahrhundert, vor der Technisierung, den neuen Kommunikationsmöglichkeiten, der Industrialisierung, auch vor neuen Kriegen. Die Menschen suchten nach Halt im neuen Jahrhundert und vermischten alle Stile miteinander – das nannten sie dann Jugendstil. 100 Jahre später hatten Menschen wieder Angst vor weltweiter Informationstechnologie, vermeintlich fanatischen Religionsthemen, der Globalisierung, der Umweltzerstörung. Und was machten sie? Sie nahmen wieder eine Mischung aus Eames und Arne Jacobsen mit ins nächste Jahrhundert beziehungsweise Jahrtausend. 1999 war klar, dass wir erfolgreich sein werden, wenn wir die Klassiker ausgraben. Damals brauchte man kein junges Berliner Design. Wieder 100 Jahre zurück, begannen die jungen Menschen irgendwann sich zu fragen: „Ich bin mit Jugendstil aufgewachsen, aber was ist meine Identität? Ich mag den Mischmasch der vergangenen Stile nicht mehr leben“. Diese Menschen haben dann eine Schule gegründet und diese Bauhaus genannt. Wir warten jetzt also darauf, dass die Menschen, die um 2000 herum geboren worden, nach ihrer eigenen Identität suchen und irgendwann ihr Bauhaus 2.0 gründen. Deshalb macht es jetzt Sinn, sich damit auseinander zu setzen, was junge Gestaltung heute sein kann und ob irgendwann eine neue Produkt-Evolution entsteht, die die Gesellschaft prägen wird.

„Wir bei Minimum sind ja auch eine Art Sozialforschungsstation – nebenher verkaufen wir halt Möbel.“

– Wilfried Lembert

Nach 16 Jahren Minimum: Wie hat sich unser Anspruch ans Wohnen verändert?

Eklatant verändert hat sich unser Anspruch an Stauraum. Weniger ist wirklich mehr geworden. Es gibt gesellschaftliche Phänomene: Als wir anfingen, galten Menschen, die eine leere Wohnung hatten, als arm, weil sie kein Geld für Möbel hatten. 15 Jahre später ist man reich, wenn man eine leere Wohnung hat. Der Luxusbegriff hat sich komplett verändert, weil Platz heute Luxus ist. Man muss sich die Wohnung nicht mehr vollstellen, was auch mit unseren iPads zu tun hat. Man braucht keine Bibliothek mehr um darauf hinzuweisen, dass man schlau ist. Stauraum ist nicht mehr wichtig.

Wilfried Lembert
Interview Wilfried Lembert

Das Bücherregal hat ausgedient?

Es gibt natürlich immer eine Gegenbewegung. Wenn alles digital wird, kauft man sich ein Regal für die Lieblingsbücher. Wir bei Minimum sind ja auch eine Art Sozialforschungsstation – nebenher verkaufen wir halt Möbel (lacht). Der Umsatz steigt, wenn Schimmellasagne verkauft wird und es Fleischskandale gibt. Denn dann wollen die Leute selbst kochen. Aktuell steht die Küche vor dem Auto als wichtigstes Investitionsvorhaben bei den Deutschen.

Warum konzentrieren Sie sich mit Ihren Geschäften nur auf Berlin – in anderen Städten sind die Menschen ja bekanntlich etwas investitionsfreudiger?

Ich bin nicht der Expansionsstratege. Und ich bin eben gerne hier in Berlin und nicht in Stuttgart. Märkte gewinnt man eher von Innen als von Außen. Münchnern oder Stuttgartern von Berlin aus erklären, was sie gut finden sollen? Ich möchte die Menschen gerne für gute Gestaltung begeistern und freue mich, wenn jemand aus München auf mich zukommt. Wir sind immer auch dadurch gewachsen, dass andere mitmachen wollten. Ein Franchise-Modell könnte ich mir da eher vorstellen.

Gibt es regionale Einrichtungsunterschiede: Was kauft der durchschnittliche Oberbayer, was der Hamburger nicht anfassen würde?

Da gibt es immense Unterschiede, klar. Geografisch betrachtet stehen wir in Deutschland zwischen den nordischen und den südländischen ästhetischen Einflüssen. Und es gibt die Teilung der Gesellschaft in urban und ländlich. Seit 2008 leben mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Wer auf dem Land lebt, wohnt meist rustikaler – was nicht negativ gemeint ist. Eine typische Minimum-Wohnung würde man nicht unbedingt in den Alpen vermuten, da will man wohl eher ein Chalet mit offenem Kamin und Fellen davor. Dort sehnt man sich nach einem Lebensgefühl, das zu der Gegend passt, das man eher in dem Magazin „Landlust“ findet. Minimum ist da eben eher Berlin.

Und das sind seine Besten.