Auf Erfolg gebürstet

Redecker · Bad Rothenfelde · Deutschland

Ob General Store in Hollywood oder Design-Mall in Tokio: Überall liebt man die Bürsten der Familie Redecker. Doch wie wird ein Staubwedel zum Lifestyle-Produkt?

Porträt von Franziska Klün · Fotos Peter Lorenz · 29. September 2015

Zum Beispiel im Gyre Building mitten in Tokios Shopping District Shibuya-ku sind sie zu finden: In einem hochmodernen, kastenartigen Bau mit riesigen Glasfronten sind Modehäuser wie Chanel und Comme des Garçons vertreten, das New Yorker Museum of Modern Art führt einen eigenen Design-Shop und irgendwo dazwischen, in einem weiteren glamourösen Concept Store, hängen die Bürsten der Familie Redecker aus Deutschland. Staubwedel und Handfeger neben Bürsten für Gemüse, Babyflaschen und Espressomaschinen. Beste Bürstenqualität für den stilbewussten Japaner – alles „made in Niedersachsen“.

Redecker KaffeebarRedecker Schaafe

Zu Besuch genau dort, in Bad Rothenfelde bei Osnabrück: Die Straße, die zu den Redeckers führt, ist gesäumt von mächtigen Industriebauten. Hier werden Wurstwaren und Suppenkonserven produziert, Metall- und Lasertechnik. Auf den Parkplätzen davor reihen sich LKWs aneinander. Nur in Haus Nummer 19 weht ein anderer, weniger großindustrieller Wind. Schafe grasen auf einer der Wiesen des Firmengeländes, das Fabrikdach ist mit kniehohen Gräsern und bunten Wildblumen bewachsen, durch eine große Holztür kommt Hündin Marlene angepest. Sie will den Besuch als erste begrüßen. Die Redeckers: Das sind Gernot und Jutta, Felix und Jana. Die zweite und dritte Generation eines mittelständischen, deutschen Familienunternehmens mit Bilderbuchcharakter. Von Bad Rothenfelde aus gehen die Bürsten in die ganze Welt – in glamouröse Concept Stores in Tokio oder in coole General Stores wie das Max & Moritz in Hollywood. Die deutsche Bürste als weltweit gefragtes Lifestyle-Produkt – wie kommt so was?

Ein heißer Nachmittag im Sommer, es sind über 30 Grad, und die dritte Redecker-Generation hat Stress. Morgen in aller Früh fliegen Sohn Felix und dessen Frau Jana für mehrere Wochen in die USA, dem derzeit am stärksten expandierenden Markt des Unternehmens. „Vor solch einer Reise bricht hier immer der Wahnsinn aus“, sagt Jana Redecker und entschuldigt sich. Doch Jutta und Gernot haben Zeit und sind bester Laune. Sie sind gerade erst zurück, waren mit der gesamten Belegschaft ein paar Tage auf Sylt, zum Zelten, das Firmenjubiläum feiern. Jutta Redecker sagt: „Herrlich war’s!“

Die Redecker-Devise: Einfach mal schauen, wohin das führt

Seit dem Juni 2015 ist das Unternehmen 80 Jahre alt, so lange werden auf diesem Grundstück Bürsten produziert. Zunächst von Friedel Redecker, dem fast vollständig erblindeten Vater Gernots. Der hatte an der Blindenschule das Handwerk des Bürstenmachers gelernt, sich früh selbstständig gemacht und seine Kunden auf den landwirtschaftlichen Höfen in der Gegend akquiriert. „Einmal im Jahr kam er bei jedem vorbei, er war ein geselliger Mann. Die Leute wussten, diesen Monat kommt der Redecker, also bereiteten sie ihre Bestellzettel vor“, sagt Gernot.

Dann starb Opa Friedel 1987 plötzlich und Jutta Redecker, die eigentlich Fotografin ist, beschloss mit den zurückgelassenen Materialien des Schwiegervaters einen Ausverkauf zu machen. „Der lief dermaßen gut, dass ich dachte, damit muss ich weitermachen“, sagt sie. So ging es los. Unter der Woche fertigte Jutta Redecker Bürsten, an den Wochenenden schnappte sie sich ihren Gatten Gernot, der damals noch einen Gartenbau betrieb. Sie fuhren auf Märkte, zunächst in der Gegend, dann in weiterer Entfernung, es wurden mehr, der Umsatz stieg. Die anfängliche Redecker-Devise: Einfach mal schauen, wohin das führt.

BockhorstArbeitsplatz
Borsten Schneider

Was sie mit der Zeit realisierten: So viele Bürsten wie sie hatte sonst niemand im Sortiment und niemand schien an einer ansprechenden Präsentation dieser Produkte ähnlich viel Freude zu haben. Sie hatten sich eine Hütte aus Stroh gebaut, die sie als mobilen Marktstand benutzten, dazu trugen sie lange Kleider im Folklore-Stil. Von Anfang an überreichten sie ihren Kunden mit den Bürsten auch eine Art Lebensgefühl.

„Uns war immer klar: Wir können uns nur abheben als kleine Manufaktur, wenn wir etwas grundsätzlich anders machen“.

– Gernot Redecker

Kleine Bürstenkunde

Seit den Anfangstagen werden im Bürstenhaus Redecker die Produkte aus heimischen Hölzern, Borsten, Haaren oder Pflanzenfasern gefertigt. Je nach Zweck werden die Materialien ausgesucht, Kunststoff oder Kunstfasern kommen selten zum Einsatz. Die Bürstenkörper sind hauptsächlich aus Buche, Eiche, Birnbaum oder Esche. Bei Körperpflegeprodukten werden vorrangig Olivenhölzer verwendet. Mehr Infos: Kleine Bürstenkunde

Wenn Jutta und Gernot von dieser Anfangszeit berichten, reden sie schnell, mal durcheinander, mal beenden sie die Sätze des anderen. Die Aufregung, die ein solch unerwarteter Erfolg mit sich bringt, ist auch knapp 30 Jahre später noch spürbar. „Eines Nachmittags rief eine Freundin an“, sagt Jutta Redecker, „die war im ökologischen Großhandel tätig und sagte: So etwas gibt es nicht in ihrem Sortiment, ökologische Bürsten – das ist eine unbesetzte Nische“. Also stellten die Redeckers um, produzierten von nun ab ausschließlich mit Naturmaterialien. Sie besuchten ökologische Verbrauchermessen, machten sich dort einen Namen. Später gingen sie auch auf konventionelle Fachmessen. Nur durch Zufall stießen sie auf die Ambiente – die größte Konsumgütermesse der Welt in Frankfurt am Main. Immer mehr Händler in einem immer größeren Radius wurden auf sie aufmerksam, der Umsatz stieg. „Wir waren so erfolgreich!“ sagt Jutta Redecker und klingt dabei noch heute etwas ungläubig. Sie reisten zum japanischen Ambiente-Ableger nach Tokio, zur Maison et Objet nach Paris. „Uns war immer klar: Als kleine Manufaktur können wir uns nur abheben, wenn wir etwas grundsätzlich anders machen“, sagt Gernot Redecker. Und das hieß für sie: sich neben ihren Bürsten auch selbst anders zu präsentieren.

Redecker Verpackung
Redecker Familien Portrait

Auf Messen erschienen sie grundsätzlich weder in Pumps noch mit Krawatte, lieber in Jeans oder Blumenkleid. Damit fielen sie auf, denn es waren die 90er und „ein Messebesuch ohne Kostüm gehörte sich nicht“, sagt Jutta Redecker und lacht. Sie wollten sie selbst sein, echt sein – so wie ihre Bürsten. „Design ist wichtig“, sagt Gernot, „aber dass die Produkte eine handwerkliche Qualität ausstrahlen – das sollte man nie unterschätzen!“ Heute gleichen ihre Messestände keinen Strohhütten mehr, dafür den typisch skandinavischen Holzhäusern. Insbesondere Schweden ist neben Bürsten und Tieren eine weitere große Passion der Familie Redecker. Sie besitzen ein Ferienhaus in Schweden und auch ihr Wohnhaus, das etwas versteckt auf dem Firmengelände liegt, könnte genau so in einer der Verfilmungen von Astrid Lindgrens Kinderbüchern zu sehen sein. „Ja, doch, wir haben uns von diesem Land schon öfter inspirieren lassen“, sagt Gernot Redecker und lacht. Ob auf der Messe in Tokio oder als Shop-in-Shop in einer Karstadt-Filiale: Die Redeckers präsentieren ihre Bürsten auf hellgrau lackierten, mobilen Holzschränken mit blauer Schrift, die auch immer ein wenig nach skandinavischer Ferienidylle aussehen. Das entspricht zwar nicht mehr unbedingt dem Lebensgefühl „made in Germany“, aber in Tokio, im Gyre Building, wissen das ja nur die wenigsten.