„Design ist eine Frage der Logik“

Carlo Clopath · Trin · Schweiz

Achtung, Talent: Carlo Clopath begann als Architekt, bevor er sich für Produktdesign entschied – heute entwirft er lieber Küchenutensilien als Häuser.

Interview von Franziska Klün Peter Lorenz; Carlo Clopath · 26. September 2015

Freitagnachmittag in Trin, 32 Grad, strahlend blauer Himmel, kein Wind weht. Das Haus, in dem Carlo Clopath sein Studio und seine Werkstatt untergebracht hat, steht auf einer kleinen Anhöhe. Der Blick: bestes Bergpanorama. Ein paar Meter weiter rauscht ein Fluss ins Tal. Clopath kommt gerade von seiner Mittagspause, er war schwimmen im glasklaren Bergsee, ein paar Fahrradminuten entfernt.

Carlo, Sie sind hier im fast unwirklich schönen Trin geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen. Hatten Sie je das Gefühl, Sie müssten dieser Idylle entfliehen?

Ehrlich gesagt, nein. Ich reise viel. Erst gerade war ich für drei Wochen in Japan, das ist großartig – fremde Kulturen, neue Begegnungen – trotzdem komme ich jedes Mal gerne wieder nach Hause zurück.

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Viele Kreative brauchen das Ungewohnte, auch die harten Kontraste, die das Leben in einer Großstadt mit sich bringt. Sie nicht?

Für mich ist es im Designprozess wichtig, die Geschichte der Objekte zu beachten. Ich lerne von Bestehendem. Es reizt mich, Produkte zu optimieren, deren Wert sich bewährt hat und mit denen ich mich auskenne. Ich vergleiche meine Arbeit oft mit der Entwicklung der Architektur in Graubünden: Zum Beispiel beziehe ich mich gerne auf Architekten wie Rudolf Olgiati aus Flims oder Gion A. Caminada aus Vrin. Beide gehen von regionalen, traditionellen Häusertypen aus, wie das Engadinerhaus und den Strickbau und entwickeln diese weiter. Architektur ist beinahe immer in einem Ort verwurzelt. Ähnliches gilt für mich und meine Produkte: Es ist wichtig, dass ich das, womit ich arbeite, kenne und verstehe. Oft beziehe ich mich auf Objekte, die aus meiner Heimat stammen, obwohl mir das im Designprozess zu Beginn oft nicht bewusst ist. Am Ende erst wird klar, dass das, was ich gestaltet habe, einem Objekt aus meiner Kindheit sehr ähnlich sieht.

Carlo Clopath,

28, studierte Produkt- und Industriedesign an der Kunsthochschule in Lausanne, seine Objekte wurden schon in Kopenhagen, Wien, Hyères und Tokio ausgestellt, für seine Küchenutensilienserie Palutta hat Carlo Clopath bereits mehrere Preise gewonnen, darunter den Swiss Federal Design Award, den wichtigsten Schweizer Designpreis. Erhältlich ist diese beispielsweise bei Okro.

Nehmen wir Ihre vielfach prämierte Küchenutensilien-Serie Palutta: Was daran ist traditionell, woran erkennt man Ihre Wurzeln?

Die Küchenutensilien werden aus lokalem Holz in der Region produziert. Schon die Materialwahl erinnert an eine ursprüngliche Zeit. Heute werden Küchenutensilien ja meistens aus Kunststoff oder Edelstahl hergestellt. Die Utensilien basieren auf Erinnerungen an meine Kindheit in den Bergen und auf Typologien aus verschiedenen Museen. Früher wurden diese Gebrauchsgegenstände vor allem von Bauern im Winter hergestellt und in der Region verkauft. Das Handwerkliche, das Schnitzen habe ich versucht zu übersetzen und heutigen Produktionsmöglichkeiten anzupassen: Durch computergesteuerte Prozesse kann man sehr präzise Produkte herstellen.

„Für mich folgt gutes Design einer Logik: Es gibt eine Fragestellung und der Entwurf findet logische Antworten darauf. Am Ende sollte ein Produkt funktionieren.“

– Carlo Clopath

Sie haben bereits in einem Architekturbüro gearbeitet. Jetzt konzentrieren Sie sich auf Haushaltsprodukte. Warum ist es spannender, Küchenutensilien zu entwerfen als Häuser?

Lange wollte ich Grafiker werden – bis mir das zu zweidimensional erschien. Also habe ich nach dem Abitur in einem Architekturbüro gearbeitet. Doch ich begriff, dass der Entwurfsprozess sehr kurz ist – die anderen typischen Arbeiten eines Architekten aber, also die Bewachung der Bauarbeiten oder der Kosten, viel Zeit in Anspruch nehmen. Im Grunde ist Produktdesign wie Architektur – im kleinen Maßstab. Es ist auch dreidimensional, man kann mit vielen unterschiedlichen Materialien arbeiten und es ist möglich, jedes Produkt eins zu eins als Prototypen zu bauen. Das geht in der Architektur fast nicht – man kann seine Ideen erst am fertigen Bau kontrollieren.

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Wie definieren Sie gutes Design?

Für mich folgt es einer Logik: Es gibt eine Fragestellung und der Entwurf findet logische Antworten darauf. Am Ende sollte ein Produkt funktionieren und stimmig sein, es sollte in Relation zu einer Geschichte stehen, die man erzählen möchte.

Was zum Beispiel ist logisch an dem Beistelltisch „Meisa Cun Truchet“, den Sie 2013 entworfen haben?

Den Beistelltisch habe ich für eine Ausstellung in Dänemark entworfen. Das Thema der Ausstellung war Storage. Ich wollte ein Möbel gestalten, das zwischen Küche und Wohnzimmer steht und das sich zum Abstellen, zum Verstauen, aber auch zum Transport von Alltagsgegenständen eignet. Ich entschied mich für das Dampfbiegen als Herstellungsmethode – diese wird heute industriell nur noch wenig verwendet. Und so kam ich zu einem Beistelltisch mit zwei Schubladen, die sich auch als Serviertabletts nutzen lassen. Die Form und die Materialien wurden durch die festgelegten Funktionen und das Herstellungsverfahren definiert. Das dampfgebogene Element für das Serviertablett wurde mit einer Kehlmaschine profiliert, um den Tragekomfort zu erhöhen und das Gleiten auf der Schiene zu ermöglichen.

Seit Ihrem Abschluss an der Kunsthochschule in Lausanne vor drei Jahren haben Sie bereits einige Preise gewonnen, darunter den Swiss Design Award. Was bedeuten solche Auszeichnungen für eine junge Karriere wie Ihre?

Sie sind sehr wichtig. Designer zu sein ist nicht unmittelbar ein lukrativer Beruf, mein Verdienst basiert auf Royalties, der Entwurfsprozess ist oft gering vergütet: An jedem verkauften Produkt verdiene ich einen definierten Prozentsatz. Gut dotierte Förderpreise sind daher eine elementare Starthilfe.

„Für jeden Designer ist Japan irgendwie ein Traum. Traditionelle, handwerkliche Betriebe sind gleich neben modernen, technologischen Produktionsstätten zu finden. In Europa haben wir eine sehr andere Beziehung zu unseren Alltagsgegenständen.“

– Carlo Clopath

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Geht ein Entwurf nicht in Produktion, geht auch der Designer leer aus?

Das ist abhängig vom Vertrag, also von der Entlohnung der Entwurfsphase: Ist keine Bezahlung für den Entwurfsprozess vorgesehen, erhält der Designer kein Geld. Ein Produktdesigner ist dadurch abhängig von den Verkäufen und den Royalties. Die Entwicklung eines Stuhls zum Beispiel kann mehrere Jahre dauern. Dadurch ist der Anfang für junge Designer schwer. Hat man erst zwei Produkte auf dem Markt, die sich ganz ok verkaufen, verdient man nicht viel damit. Ist man aber seit 30 Jahren im Geschäft und erhält von 50 Produkten die Royalties, ist es wiederum ziemlich gut.

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Ändern sich die Tantiemensätze, je größer der Name?

Nach meinem Wissen wird mit wachsender Bekanntheit auch die Entwicklung anders entlohnt, die Royalties aber ändern sich nicht. Der Prozentsatz hängt eher mit der geografischen und wirtschaftlichen Lage zusammen. Je höher im Norden eine Firma sitzt, desto höher auch die Royalties.

Sie waren gerade in Japan unterwegs. Inwiefern ist das Land Inspirationsquelle?

Ich habe 20 Kilo Bücher mit nach Hause geschleppt! Für jeden Designer ist Japan doch irgendwie ein Traum. Die ganze Kultur, wie respektvoll die Menschen dort mit Objekten umgehen, mit welcher Sorgfalt sie die Dinge anfassen und ansehen. In Japan befinden sich traditionelle, handwerkliche Betriebe gleich neben modernen, technologischen Produktionsstätten. In Europa wäre das nicht denkbar, hier haben wir kaum noch Handwerksbetriebe und eine sehr andere Beziehung zu unseren Alltagsgegenständen.