Sushi vom Zwiebelmuster

Staatliche Porzellan-Manufaktur Meissen · Meißen · Deutschland

Das edle Sonntagsservice braucht heute kaum mehr jemand. Was bedeutet das für eine Porzellanmanufaktur wie Meissen? Geschäftsführer Tillmann Blaschke erklärt im Interview, wie sich das Traditionsunternehmen neu erfindet.

Interview von Franziska Klün · Fotos Peter Lorenz · 30. August 2017

Man tritt ein durch eine große, schwere Holztür, hinein in die Vergangenheit. Tradition ist hier auf Anhieb spürbar, und das liegt nicht an dem eindeutig aus den 1980er-Jahren stammenden Mobiliar des Warteraums, das die Besucher hier in Empfang nimmt. Es ist vielmehr die konzentrierte Stille, die auf den langen Korridoren herrscht, hinter den vielen Türen sitzen Mitarbeiter, die bei neunjähriger Betriebszugehörigkeit noch als Frischling gelten, deren Ausbildungen nicht selten zehn Jahre dauern, weil sie, ob in der Malerei, der Dreherei oder der Gießerei Handfertigkeiten benötigen, die man nicht einfach mit ein bisschen Theorie und ein bisschen Praxis mal so eben erlernen kann.

Die Königlich-Sächsische Porzellan-Manufaktur Meissen ist eine der ältesten deutschen Luxusmarken. Im Jahre 1710 von August dem Starken gegründet, ist sie heute im Besitz des Freistaat Sachsens, die zwei gekreuzten Schwerter ihr berühmtes, elegantes Markenzeichen und das Zwiebelmuster – ein kobaltblaues Unterglasdekor auf Porzellan – gilt als eines der erfolgreichsten Blaudekore der Porzellangeschichte. International ist die Manufaktur bekannt, aber sie ist auch schwer unter Druck: seit Jahren ist das Unternehmen defizitär und kostet den Sächsischen Steuerzahler Jahr für Jahr Millionenbeträge. Wir waren zu Besuch in Meissen und haben Dr. Tillmann Blaschke, der zusammen mit Georg Nussdorfer die Manufaktur leitet, zum Interview getroffen:

Herr Blaschke, im Porzellanbereich ist Deutschland mit Namen wie Meissen, KPM, Nymphenburg, Rosenthal, Fürstenberg führend. Doch viele der traditionsreichen Manufakturen wanken. Lässt sich mit dem ‘Weißen Gold’ eigentlich noch richtig Geld verdienen?

Davon bin ich überzeugt. Aber wir müssen moderner werden. Die Tisch- und-Tafel-Kultur hat sich stark verändert in den letzten Jahren. Wer sitzt heute schon noch sonntagnachmittags an der großen gedeckten Tafel, für die dann das gute Meissener Porzellan aus dem Schrank geholt wird? Die Haushalte sind kleiner und kaum einer braucht noch das große Service. Damit muss die Branche umgehen und Antworten finden.

Meissen Porzellan FigurMeissen Porzellan Teller Archiv
Porzellan Malerei
Tillmann Blaschke

Wie können die lauten?

Das Geschäft mit dem Porzellan setzt sich aus unterschiedlichen Teilbereichen zusammen: Vieles von dem, was wir machen, ist Porzellankunst. Ich spreche von Figuren, von Fine Art. Das macht über die Hälfte unseres Geschäfts aus und ist unabhängig von der Tisch-und-Tafel-Kultur. Es gibt viele Menschen, die eine hohe Wertschätzung für das Meissener Porzellan haben – Sammler, auch solche, die ihre Begeisterung an die nächste Generation weitergeben. Was wir schaffen müssen, ist ein Spagat zwischen Tradition und Innovation. Für die Tisch-Kultur heißt das: Wir müssen modernere Formen und Dekore entwickeln, veränderte Essenssituationen berücksichtigen. So haben wir schon Sets entwickelt, die sich für Sushi oder Tapas eignen.

Mit Meissen assoziieren viele die Liebhaberstücke von Oma und Opa, edle Teller für besondere Anlässe. Müssen Sie Erziehungsarbeit leisten und propagieren, dass gutes Porzellan für jeden Tag gedacht ist?

Sie sprechen von Erziehungsarbeit, wir eher von Weiterbildung. Wer Porzellan von Meissen kauft, erwirbt ein Stück Kultur. Wenn es allein um Funktionalität geht, können Sie irgendeinen Teller nehmen. Die Frage ist: Ist Ihnen Stil wichtig, wenn ja, welcher? Wer nur wissen möchte, wie spät es ist, braucht auch keine hochwertig konstruierte Uhr aus Glashütte. Unsere Herausforderung ist es, den Menschen nahezubringen, was eigentlich der Wert, auch der kulturelle, von Porzellan ist.

Und was ist der Wert von Porzellan?

Da müssen wir bei den Materialien anfangen, die wir hier seit über 300 Jahren verwenden. Porzellanmasse besteht aus Kaolin, Feldspat und Quarz. Das Mineral Kaolin bauen wir selbst in einem eigenen kleinen Bergwerk in der Nähe von Meißen ab. Zwei Menschen sind dafür täglich unter Tage. Das ist schwere körperliche Arbeit. Wir könnten Kaolin auch einkaufen, aber es hätte nicht diese Qualität. Wenn ein echter Porzellankenner zehn Tassen vor sich hat, erkennt er Meissen an der Weiße, die von unserem besonderen Kaolin herrührt. Weiter geht es mit der Herstellung: Mit viel Leidenschaft und höchstem Anspruch an Qualität wird jedes Stück von Hand gefertigt. Das macht Manufaktur aus und das spürt man in jedem Produkt.

Meissen Porzellan Formarchiv
Porzellan Schwerter
Porzellan Beispiele
Meissen Porzellan Archiv
Meissen Porzellan Archiv Buch

Wenn man durch die Hallen läuft, das Handwerk sieht, erschließt sich einem der Wert sofort. Wie aber transportiert man diese Besonderheiten in die Welt?

Natürlich können wir uns nicht einfach hinstellen und sagen, hier schaut mal, das ist unser Material. Da steht Meissen drauf. Der Rest erklärt sich doch von selbst.

Wurde das denn so gehandhabt?

Es gab eine Zeit, da war Meissen unglaublich begehrt, da hat man uns die Produkte aus den Händen gerissen. Da mussten wir für unsere Vermarktung kaum etwas tun. Dann hat sich die Tisch-Kultur geändert, das Leben wurde schnelllebiger. Wo es vorher schwer war Meissen zu kriegen, wurde jetzt hinterfragt, warum Meissen? Es ist unser Job als Unternehmen unsere Botschaften zu erneuern. Wir müssen die Manufaktur erlebbar machen und vor allem die vielen Entstehungsgeschichten erzählen. Jedes Stück hat seine eigene Story und ist durch das einzigartige Kunsthandwerk auch immer ein individuelles Unikat. Und: Meissener Porzellan muss man einfach auch erfühlen.

Porzellan Formen
Meissen Porzellan Malerei